Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Beim Vorlesezwerg
(Fortsetzung von Folge 4)
Beim Vorlesezwerg
Dort, wo die Apfelpromenade am staubigsten war, stand der Dorfbrunnen, an dem sich bei jedem Wetter der Rübendorfer Vorlesezwerg einfand, um seinen täglichen Vortrag zu halten.
Weil nur regelmäßige Rückbesinnung auf die Gartenzwerggeschichte der Gegenwart Sinn verleiht.
Gleichgültig ob die Sonne auf ihn herabbrannte oder der Wind versuchte, ihn in den Brunnen zu werfen, Albert Fiks trotzte den Naturgewalten ebenso wie der Ignoranz seiner Mitmenschen und waltete seines Amtes. Denn die glorreiche Geschichte, wie die Gartenzwerge einst ins sonnige Rübendorf gekommen waren und was dann geschehen war konnte gar nicht oft genug erzählt werden.
Schon von Weitem sah Kuno die traditionell marillengelbe Zipfelmütze des Vorlesezwergs. Eventuell ließ sich ja in der Vergangenheit eine Lösung für sein aktuelles Problem finden.
„Hallo, Albert!“
Der alte, von Wind und Regen verwitterte Zwerg nickte mild. „Geht gleich los!“
Mit von der Partie war Tante Paula, die Albert Fiks kalte Johannisbeerlimonade im Sommer und heißen Karottentrunk oder Brombeerblättertee mit Honig im Winter reichte – für die Stimme gab es nichts besseres, und die war schließlich das Kapital des Vorlesezwergs. Ein Nachfolger hatte sich bisher nicht gefunden, also würde Albert wohl die Schöpfungsgeschichte von Rübendorf täglich am Brunnen vorlesen, solange er das Zipfelmützchen noch senkrecht tragen konnte und der Bürgermeister, dem ja schließlich das Wohl aller Gartenzwerge am Herzen lag, regelmäßig den Lohn überwies.
Dem uralten Ritual folgend begann Albert Fiks mit seinen Stimmübungen, und in den umliegenden Gärten poppten die Möhren aus der Erde.
Kuno Kern setzte sich derweil abseits an den Brunnenrand, bewunderte einmal mehr die wellenartige Anordnung der karotten- und radieschenförmigen Randsteine und blinzelte verzückt zur goldenen Gartenzwergstatue, die majestätisch aus der Mitte des Brunnens ragte.
„Oh großer Idril“ raunte er in Richtung der Statue, „Hast du’s schon gehört? Ich bin ab sofort ein Gartenzwerg ohne Garten.“ Vielleicht würde er Trost und Rat in den alten Geschichten finden, Zeit hatte er jetzt jedenfalls genug.
„Ganz Rübendorf weiss das bereits, Kuno“, sagte Tante Paula und reichte Albert Fiks eine Tasse mit dampfendem Brombeerblättertee, die der Vorlesezwerg dankbar annahm und in bedächtigen Schlucken zu trinken begann.
„Was meinst Du, wie viele Zuhörer werden heute kommen?“, fragte dieser und zupfte seinen marillengelben Schal zurecht.
Tante Paula nickte ihm aufmunternd zu: “Ich bin hier. Onkel Kiljan kommt später auch vorbei, wir wollen hinterher bei Siegbart für die Suppenküche einkaufen. Und Kuno, der Gartenlose …“
„Ach, Idrils Geschichte wird auch ihm helfen.“
Klang vernünftig. Kuno nickte. Schließlich hatte selbst der legendäre Ahngartenzwerg nicht immer Spaten und Schaufel. „Ich schaffe das schon, Berti.“ Ich kann alles schaffen. Nur seiner Verlobten wollte er vorerst lieber nicht begegnen.
„Also, dann …“ Der Vorlesezwerg stellte seine Tasse am Brunnenrand ab und nickte Kuno aufmunternd lächelnd zu. Dann spuckte er ein kleines Brombeerblatt in den Staub und hob an:
„Ihr Zwerge, hört die Schöpfungsgeschichte unserer Rübendorfer Heimat, überliefert von Zwergengeneration zu Zwergengeneration über unzählige Ernteperioden hinweg. Vor vierundzwanzigtausendsiebenhundertachtundvierzig Kürbisernten lagen da, wo das Rübendorf jetzt blüht und gedeiht, nur Steine, Unkraut und Sandhügel.“
„Genau so wird wohl dein Garten ausgesehen haben?“, murmelte Tante Paula in Richtung Kuno.
„Der blaue Himmel erstreckte sich über unfruchtbare Weiten ohne Flüsse, Maulwürfe oder Zwerge. Kein Gebäude teile mit seinen Schatten die Landschaft, karg und trocken war der Boden, als erstmals ein Zwerg über den bunten Regenbogen rutschte und seinen schwarzen Gummistiefel auf das Land setzte.“
„Gar nicht wahr!“, quäkte Kuno ebenso leise zurück, „Heute Morgen wollte ich gerade –“
„PSST!“ Albert Fiks Miene hatte sich verfinstert.
„T’schuldigung?“
„Der Goldene Zwerg Idril – noch war er kein Gartenzwerg – stand da, imposant wie ein vollreifer Kürbis, klug wie ein alter Walnussbaum und stark wie ein Herbststurm“, fuhr der Vorlesezwerg knorriger als zuvor fort, „Sonnenblumengelbe Locken blitzten unter der goldenen Zipfelmütze hervor, seine kirschförmig geschnittenen Augen leuchteten in allen Farben des Regenbogens.“
Kuno verzog das Gesicht. Genau die Sorte Gartenzwerg, auf die seine Verlobte stand. Jetzt, ohne eigenen Garten konnte er noch weniger als zuvor bieten. Warum liebte sie ihn überhaupt?
“Idril blickte sich um, schnupperte die milde Luft, zerkrümelte ein wenig saftige Erde zwischen den Fingern und begann zu graben, zu jäten und entfernte Stein um Stein, bis fruchtbares Ackerland vor ihm lag.“
Oder – dieser Gedanke lies Kuno Kern unter der Zipfelmütze die Haare zu Berge stehen – eventuell wollte ihn Vera ja überhaupt nicht mehr? Er schluckte schwer. Trotz all der Gedichte, die er für sie geschrieben hatte, musste diese Möglichkeit in Betracht gezogen werden.
„Der Regenbogen wackelte ein weiteres Mal, ein zweiter Zwerg kam herab gerutscht und sagte Bruder Idril, ich helfe dir. So kam Irnin ins Rübendorf.“
Kuno Kern war kalt geworden. Neuankömmlinge hatten ihm bisher immer nur Unglück gebracht. Eine einzelne Träne lief über seine Wange und tropfte in den Dorfbrunnnen.
(zur Fortsetzung)
Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund