Rübendorfer Chroniken, Folge 6

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Beim Vorlesezwerg
(Fortsetzung von Folge 5)

Ohne mit der Wimper zu zucken, fuhr der Vorlese­zwerg fort: „Als die beiden am Abend des ersten Tages erschöpft zu Boden sanken, blickten sie wohlgefällig auf siebzehn Reihen zu je zwölf Pflanzplätzen. So wurden sie zu den ersten Garten­zwergen des Rübendorfs.“

„Und ich habe gar nichts mehr“, murmelte Kuno Kern in Richtung Brunnen­statue, die ihn mit Verachtung strafte. Idril ist bisher noch nie auf meiner Seite gewesen.

„Doch die Erde war trocken und hart. Der –“

„Wie mein Leben. Und mein Herz. Und mein -“

„Psst!“, zischte Tante Paula.

„…  der Himmel hatte ein Einsehen und das große Gewitter kam, damit der Garten nass und fruchtbar wurde.“

Kuno Kern verzog das Gesicht. Manche hatten eben immer Glück.

„Der Regen erfüllte den Boden mit Vorfreude auf die Pflanzen. Während es stürmte, donnerte und zwiebel­große Wasser­tropfen vom Himmel schüttete, saßen Idril und Irnin unerschrocken unter einem großen Stein, als plötzlich zwei Blitze vom Himmel gleißten: der erste Blitz deutete auf ein Büschel Karottenpflanzen, der zweite auf eine Gruppe zusammen gekuschelter Salatköpfe.“

Das Wasser sprudelte jetzt schneller aus der goldenen Zipfelmütze der Brunnenstatue, und Tante Paula flüsterte mit verklärtem Blick: „Idril ist mit uns.“

Mir wäre lieber, das Wohlwollen des Bürgermeisters wäre mit mir, dachte Kuno Kern, um dann widerwillig aber doch zu nicken. Kein Gartenzwerg, der bei klarem Verstand war, würde Tante Paula jemals widersprechen.

„Am nächsten Morgen holte der goldene Zwerg die Samen der Gemüsepflanzen, streute sie in seinen Garten und begann schon bald, im Überfluss zu ernten. Durch Scharfsinn, List und weitere gemüse­weisende Blitze wuchs die Gemüse­vielfalt in seinem Garten heran und mehr und mehr Zwerge taten es ihm gleich.“

Albert Fiks machte kurz Pause zum Luftholen und warf einen miss­billigenden Blick auf seine beiden Zuhörer: „Was gibt es da zu tuscheln?“

„Kuno hat ein Problem“, sagte Tante Paula, „Der Bürgermeister, dem das Wohl aller Garten­zwerge am Herzen liegt, hat ihn delogieren lassen. Und jetzt – weiß er nicht, wie er es seiner Verlobten sagen soll.“

„Kann nicht sein“, sagt Fiks, dann sah er Kunos trauriges Gesicht und seufzte: “Das tut mir aber leid. Anderer­seits, Idril hatte auch keinen Garten, als er ins Rübendorf kam, und dann …“

„Da gab es aber auch noch keine Regeln, Steuern, Gesetze, und vor allem keine Dorfverwaltung. Er hatte es viel einfacher als ein Gartenzwerg in diesen modernen Zeiten …“ Albert Fiks nickte: “Ihr wisst ja, wie die Schöpfungs­geschichte weitergeht – wir kommen bald zu der Stelle wo das Immervolle Gemüselager von den Ahnzwergen in den Bergen angelegt wird, damit kein Gartenzwerg je Mangel leiden muss. Kuno, aus der Geschichte lernen ist immer gut.“

„Mein Gemüse­lager wurde von Siegbart geräumt und ich leide ganz sicher bald Mangel …“, heulte Kuno auf, „Was nützt mir ein imaginäres Gemüselager? Alles, was mir bleibt, ist mein Diplom. Goldene Zipfelmütze habe ich auch keine so wie Idril einst – wie es momentan aussieht, wird aus mir noch ein Pennerzwerg.“

„Ach Junge, das wird schon, du bist klug, hilfsbereit und weißt, wie zwerg eine Zipfelmütze trägt – was mich daran erinnert: keine Ahnung wo Onkel Kiljan steckt, vielleicht wurde er von seinem Brombeer­schnaps aufgehalten“, sagt Tante Paula, „Dabei wollte er mir doch heute Vormittag beim Einkaufen helfen.“

Kuno seufzte – zum wievielten Mal eigentlich an diesem vermale­deiten Tag? – und sagte: „Ich mach’ das schon, kein Problem. Jedenfalls, wenn ich nachher zum Essen kommen darf. Zweimal!“ Oder öfter, denn Kummer machte Gartenzwerge bekanntlich außer­ordentlich hungrig.

“Kuno, die Suppenküche steht dir immer offen. Dir und allen anderen – das weißt du doch.“

„Klar, besonders zum Kartoffel schälen…“ Er verzog noch einmal das Gesicht. Kinn- und Wangenmuskeln schmerzten bereits von seinen ewigen Grimassen. „Arbeiten, immer nur arbeiten soll ich …“

„Tja, die Kartoffel­suppe kocht sich nun mal nicht von alleine.“ Tante Paulas ringlotten­blaue Augen flammten auf wie das Feuer unter ihrem riesigen Suppentopf. „Und die Schlange der bedürftigen Gartenzwerge wird Woche für Woche länger.“

„… und die Suppe Woche für Woche dünner“, feixte der Vorlesezwerg im Hintergrund, aber nur ganz leise, während Tante Paula unbeeindruckt fortfuhr: „Tag für Tag verschlingt ihr mehr davon, ein nimmer­satter Zwergen­haufen seid ihr. Ihr alle.“ Ihre Geste umfasste das ganze Rübendorf und sowohl der Vorlesezwerg als auch Kuno blickten schuldbewusst zu Boden. Es stimmte schon, jeder Garten-, Gieß- oder Pflückzwerg tat sein Möglichstes, um wenigstens einmal am Tag an eine Portion ihrer ebenso köstlichen wie kostenfreien Kartoffel­suppe zu bekommen.

Angesichts der betretenen Mienen der beiden Garten­zwerge nickte Tante Paula zufrieden: „Also, dann gehen wir mal einkaufen. Los, Kuno, du kennst sicher das alte Sprichwort – der frühe Gartenzwerg fängt die schönste Karotte.“ Damit stapfte sie los.

„Aber!“, rief der Vorlesezwerg, „Was ist jetzt mit der Geschichte? Ich erzähle noch weiter!“

 „Bis zum glanzvollen Ende bin ich zurück!“ rief Tante Paula noch über die Schulter in Richtung Fiks, „Aber jetzt ist es höchste Zeit, die Kartoffeln für die Suppe zu holen.“

„Wartet, jetzt wird es doch erst spannend!“ schrie Fiks aufgebracht, aber weder Tante Paula noch Kuno hörten auf ihn, als sie gemeinsam den Brunnenplatz in Richtung Siegbarts Gemüse­großhandlung verließen.

„Ach ja.“ Albert Fiks biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. Herzlose Gartenzwerge allesamt. „Kein Gefühl für Tradition und wahre Werte. Nur die Kartoffel­suppe zählt.“ Manchmal träumte er von den glorreichen Zeiten, als der Vorlese­zwerg noch eine angesehene Persönlichkeit gewesen war, so wie damals sein Großvater, von dem er das Amt einst übernommen hatte. „Idril hab’ ihn selig.“ Dann straffte sich seine Gestalt mit einem Ruck, der die Zipfelmütze bis in die Spitze erzittern lies: Er, Albert Fiks, würde alles daran setzen, den alten Glanz der Vorlese­zwerge wieder herzustellen, koste es was es wolle. „So wahr Idril mir helfe!“.

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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