Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Dunkle Machenschaften
(Fortsetzung von Folge 6)
Dunkle Machenschaften
Das unterirdische Steingewölbe war erfüllt vom Duft vollreifer Äpfel und Birnen, die in deckenhoch gestapelten Holzkisten lagerten und gemeinsam mit prallgefüllten Walnusssäcken neben Bergen von Kürbissen Zeugnis ablegten vom Reichtum ihres Besitzers.
In der Mitte des Raumes, auf dicken weichen Teppichen, saßen drei Dutzend schwarzgekleidete Zwerge vor Bechern, gefüllt mit tiefrotem Himbeerwein, vertieft in lebhafte Gespräche. Das Rübendorfer Syndikat befand sich gewissermaßen in einer Ausnahmesituation: erstmals trat der neue Boss, der Capognomi vom Rübendorf, nicht persönlich in Erscheinung. Er kommunizierte nur durch Nachrichten, Anweisungen und Befehle.
Die wurden übermittelt von Unterboss Severin Schlonz, genannt Don Schlonzo. Das hatte es zuvor noch nie gegeben, Neugier und Verunsicherung unter den schwarzgekleideten Gartenzwergen wuchsen mit jedem Tag. Zu gern hätten sie Namen und Gesicht ihres neuen Anführers gekannt.
„Schlonzi, uns kannst du’s ja sagen, du bist der neue Capognomi, hab’ ich nicht recht?“, rief ein grauhaariger Gartenzwerg. Seine umsitzenden Kollegen johlten erfreut auf, hoben die Becher und tranken einen Schluck auf die Gesundheit ihres Dons. Die Stimmung erreichte einen weiteren Höhepunkt, nur Don Schlonzo war verärgert. Er ballte die Hände zu Fäusten und rief mit tiefer Kartoffelstimme: „Wie oft soll ich es euch noch sagen? Nein, ich bin nicht euer neuer Capognomi, und ihr werdet noch früh genug erfahren wer es geworden ist. Die Wahl ist entschieden, jetzt geht es erst mal darum, eure immerwährende Loyalität ihm und dem Syndikat gegenüber zu beweisen!“
Der grauhaarige Zwerg rief: „Ach Schlonzi, nichts währt ewig!“, und kippte dann vornüber auf den Teppich. „Schafft ihn weg“ sagte Don Schlonzo in einem für einen Gartenzwerg unfassbar emotionslosen Tonfall, „Und nennt mich nie wieder Schlonzi, sonst widerfährt euch Übles. Ich bin euer Don, ist das klar?“
Drei Dutzend Augenpaare starrten ihn erschrocken an, jemand murmelte noch: „Ich hasse geheime Wahlen“, dann es wurde still im Gewölbe, abgesehen vom sanften Schnarchen des grauhaarigen Zwergs. Don Schlonzo stieß ihn mit dem Gummistiefel an. „Alfie kann seinen Rausch nebenan ausschlafen. Und jetzt reißt euch zusammen, sonst gibt es nächstes Mal Tomatensaft statt Himbeerwein.“
Ruhiger als ruhig wurde es da im Gewölbe, ein Syndikatszwerg nach dem anderen stellte den Weinbecher ab. Dem Kleinsten am Ende des Teppichs rutschte vor Schreck die schwarze Zipfelmütze über die Augen während er murmelte: „Und mir haben sie gesagt, beim Syndikat wäre es cool.“
„Pssst!“, zischte der vierschrötige Muengersdorfer und hielt dem Kleinen mit der vernarbten Hand den Mund zu, doch da war es schon zu spät, Don Schlonzos Stimme klang jetzt eiskalt: „Sebi! Hast du etwas zu sagen? Vielleicht gleich zu deiner blamablen Leistung beim gestrigen Überfall auf den Kürbistransport? Zwei Drittel des Gemüses lag hinterher in Breiform am Seeweg, es sah aus, als ob halb Rübendorf dort gemeinsam Durchfall gehabt hätte.“
„Ach was soll’s, wozu haben wir die Gemeindezwerge? Die fegen das ruckzuck in den Dorfsee, dafür wird der Bürgermeister, dem alle Gartenzwerge am Herzen liegen, schon sorgen“, grölte Muengersdorfer, „Lang lebe das Syndikat, der nächste Kürbistransport kommt bestimmt, dann kann der Kleine weiterüben, stimmt’s Sebi?“, und klopfte ihm dabei aufmunternd auf die Schultern. Sebi hatte sich inzwischen wieder aus der Zipfelmütze gewurstelt und starrte nun schuldbewusst zu Boden.
„Muengersdorfer, du bist auch betrunken“, sagte Don Schlonzo angewidert, „aber das sind die Syndikatszwerge ja meistens und bringen dennoch nicht so erbärmliche Leistungen wie ihr in letzter Zeit. Was soll der neue Capognomi bloß von euch denken? Schlimmer noch, was soll er von mir, eurem Don, halten, bei so einer lahmen Truppe?“
Es blieb mucksmäuschenstill; die Syndikatszwerge wussten, wann sie besser schweigen sollten, und nach einer kurzen – wie er hoffte dramatischen – Pause fuhr ihr Don fort: „Aber das wird sich jetzt ändern so wahr ich Schlonzo heiße. Der nächste Coup ist von mir persönlich geplant und von eurem Capognomi gebilligt, für die Ausführung werden euch spezielle Schutzanzüge gestellt.“
Mit diesen Worten öffnete er die Truhe neben sich und zog ein dunkles, gartenzwerggroßes Kostüm heraus und präsentierte es der versammelten Mannschaft. Deren Reaktion erfolgte umgehend und heftig, die Syndikatszwerge überschlugen sich förmlich vor Erstaunen, denn derartiges war ihnen bisher noch nie zugemutet worden.
„Das sieht aus wie…“
„Ist nicht Dein Ernst.“
„Wer soll das anziehen?“
„Ein Gartenzwerg ist doch kein, kein –“
„Na los, sprich’s aus …“
„Trau’ mich nicht!“
„Feigling! Feigling!“
„Genau so ist es, essen tun wir sie ja auch“ johlte Muengersdorfer.
„Cool!“ rief Sebi, „es ist doch oberfein im Syndikat zu sein!“
Die anderen starrten ihn entgeistert an, doch der kleinste der Syndikatszwerge fuhr fort: „Gemütlich sieht es aus, da passen Böszwerge jeder Größe hinein. Und alle werden denken Onkel Kiljan hätte uns geschickt, denn, so wahr mir Idril helfe …“
Im Gewölbe wurde machte sich jähe Stille breit.
„… in diesen Anzügen werden wir wie Maulwürfe aussehen.“
(zur Fortsetzung)
Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund