Rübendorfer Chroniken, Folge 12

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Eine ungewöhnliche Forderung / Der Bürgermeister
(Fortsetzung von Folge 11)

Die vier Gemeinde­zwerge starrten sich eine Weile schweigend an, dann krächzte Dukati: „Grund­gütiges Radieschen, das wird teuer.“

Steinpackers Nase begann zu rinnen, wie immer, wenn er die Fassung verlor: „Seit wann entführt das Syndikat Garten­zwerge? Und dann noch dazu einen Angestellten der Dorf­verwaltung?“

„Es waren Maulwürfe…“, murmelte Obermoser vor sich hin. „Warum hört bloß keiner auf mich? Maulwürfe, riesige Maulwürfe.“ Für ein paar Momente herrschte Rat­losig­keit, außer dem leisen Surren einiger Fliegen war kein Geräusch zu vernehmen.

„Ooh, sie haben Flupps! Das Böse hat unseren Flupps geholt“, heulte Joon schließlich auf, so laut, dass die anderen zusammen­zuckten. „Reiß dich zusammen!“, donnerte Steinpacker, „Jetzt kann nur mehr der Bürger­meister helfen, und ich weiß genau, wo wir ihn um diese Tageszeit finden.“

„Was machen wir jetzt wegen dem Ober­moser­zwergl?“ Dukatis Gesicht hatte zu zucken begonnen. „Sieht immer noch elend aus.“

Nach dem voherigen Aufschrei wieder in sich zusammen­gesunken, hockte besagter Garten­zwerg wieder im Radieschen­beet, erstarrt in erneuter Regloskeit. Nur seine Mütze schwankte leicht im warmen Wind.

„Ach, der Obermoser – der wird sich schon wieder erfangen. Garten­zwerge sind zäh, sagt Kuno Kern doch immer.“

Der Bürgermeister

Der tüchtigste Gartenzwerg wurde müde, sobald die Sonne unterging, und brauchte dann einen Platz zum Ausruhen; einen Platz, der die Garten­zwerg­energien wieder zum Fließen brachte und Stärkung, Freude sowie Gemeinschaft mit anderen Zipfel­mützen­trägern versprach.

Der Gasthof Zum Grünen Apfel war ein solcher Ort, erbaut auf den Überresten des gemeinde­eigenen Gemüse­kasinos im Rübendorf, das von erbosten, weil dauer­verlierenden Garten­zwergen vor vielen Ringlotten­ernten während eines kollektiven, äußerst gewalt­tätigen Aufstands zerstört worden war.

Mochte auch der eine oder andere Rüben­dorfer Garten­zwerg anfangs die spannenden Stunden bei Gemüse­roulette und Brombeer­blackjack vermisst haben, so überwog doch bald die Freude am neuen Gasthof: Die geräumigen Marillen­holz­tische bogen sich Abend für Abend unter Paprika­braten, Auberginen­würsten und Champignon­burgern. Bei endlosen Gesprächen über Freuden und Mühen des Garten­zwerg­lebens flossen Karotten­wein und Radieschen­most in Strömen.

Werner Walnuss, der Bürgermeister, dem das Wohl aller Gartenzwerge am Herzen lag – auf diesen Zusatz legte er großen Wert, da nur so der seinem Amt angemessene Respekt sicher­gestellt werden konnte – saß wie jeden Vormittag am Ehren­tisch des Gasthofs Zum Grünen Apfel bei Karotten­gulasch und Kürbisbier, als vier seiner fünf Gemeinde­zwerge wild gesti­kulierend herein­stürzten.

„Chef! Chef!“, rief Joon aufgeregt, und das war ungewöhnlich für diesen ansonsten so zurück­haltenden Angestellten der Rüben­dorfer Dorf­verwaltung, „Sie haben Flupps, unseren Fluppsi gestohlen, am hell­lichten Tag, mitten von der Apfel­promenade haben sie ihn geholt. Jetzt ist er weg.“ Joon brach in Tränen aus. Dukati, Zwiebel­kalle und Steinpacker weinten mit. Der Bürger­meister ließ klirrend das Besteck fallen, und zwischen seinen buschigen Augen­brauen bildete sich eine kartoffel­furchen­tiefe Falte, die rot zu pulsieren begann als er polterte: „Ihr seid Gemeinde­zwerge, also reißt euch zusammen! Und überhaupt, wo habt ihr Flupps gelassen?“

„Er ist weg, sagte ich doch eben“, heulte Dukati, „und ihn zurück­zu­bekommen wird mehr als teuer.“

(Fortsetzung nächsten Freitag)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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