Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Eine ungewöhnliche Forderung / Der Bürgermeister
(Fortsetzung von Folge 11)
Die vier Gemeindezwerge starrten sich eine Weile schweigend an, dann krächzte Dukati: „Grundgütiges Radieschen, das wird teuer.“
Steinpackers Nase begann zu rinnen, wie immer, wenn er die Fassung verlor: „Seit wann entführt das Syndikat Gartenzwerge? Und dann noch dazu einen Angestellten der Dorfverwaltung?“
„Es waren Maulwürfe…“, murmelte Obermoser vor sich hin. „Warum hört bloß keiner auf mich? Maulwürfe, riesige Maulwürfe.“ Für ein paar Momente herrschte Ratlosigkeit, außer dem leisen Surren einiger Fliegen war kein Geräusch zu vernehmen.
„Ooh, sie haben Flupps! Das Böse hat unseren Flupps geholt“, heulte Joon schließlich auf, so laut, dass die anderen zusammenzuckten. „Reiß dich zusammen!“, donnerte Steinpacker, „Jetzt kann nur mehr der Bürgermeister helfen, und ich weiß genau, wo wir ihn um diese Tageszeit finden.“
„Was machen wir jetzt wegen dem Obermoserzwergl?“ Dukatis Gesicht hatte zu zucken begonnen. „Sieht immer noch elend aus.“
Nach dem voherigen Aufschrei wieder in sich zusammengesunken, hockte besagter Gartenzwerg wieder im Radieschenbeet, erstarrt in erneuter Regloskeit. Nur seine Mütze schwankte leicht im warmen Wind.
„Ach, der Obermoser – der wird sich schon wieder erfangen. Gartenzwerge sind zäh, sagt Kuno Kern doch immer.“
Der Bürgermeister
Der tüchtigste Gartenzwerg wurde müde, sobald die Sonne unterging, und brauchte dann einen Platz zum Ausruhen; einen Platz, der die Gartenzwergenergien wieder zum Fließen brachte und Stärkung, Freude sowie Gemeinschaft mit anderen Zipfelmützenträgern versprach.
Der Gasthof Zum Grünen Apfel war ein solcher Ort, erbaut auf den Überresten des gemeindeeigenen Gemüsekasinos im Rübendorf, das von erbosten, weil dauerverlierenden Gartenzwergen vor vielen Ringlottenernten während eines kollektiven, äußerst gewalttätigen Aufstands zerstört worden war.
Mochte auch der eine oder andere Rübendorfer Gartenzwerg anfangs die spannenden Stunden bei Gemüseroulette und Brombeerblackjack vermisst haben, so überwog doch bald die Freude am neuen Gasthof: Die geräumigen Marillenholztische bogen sich Abend für Abend unter Paprikabraten, Auberginenwürsten und Champignonburgern. Bei endlosen Gesprächen über Freuden und Mühen des Gartenzwerglebens flossen Karottenwein und Radieschenmost in Strömen.
Werner Walnuss, der Bürgermeister, dem das Wohl aller Gartenzwerge am Herzen lag – auf diesen Zusatz legte er großen Wert, da nur so der seinem Amt angemessene Respekt sichergestellt werden konnte – saß wie jeden Vormittag am Ehrentisch des Gasthofs Zum Grünen Apfel bei Karottengulasch und Kürbisbier, als vier seiner fünf Gemeindezwerge wild gestikulierend hereinstürzten.
„Chef! Chef!“, rief Joon aufgeregt, und das war ungewöhnlich für diesen ansonsten so zurückhaltenden Angestellten der Rübendorfer Dorfverwaltung, „Sie haben Flupps, unseren Fluppsi gestohlen, am helllichten Tag, mitten von der Apfelpromenade haben sie ihn geholt. Jetzt ist er weg.“ Joon brach in Tränen aus. Dukati, Zwiebelkalle und Steinpacker weinten mit. Der Bürgermeister ließ klirrend das Besteck fallen, und zwischen seinen buschigen Augenbrauen bildete sich eine kartoffelfurchentiefe Falte, die rot zu pulsieren begann als er polterte: „Ihr seid Gemeindezwerge, also reißt euch zusammen! Und überhaupt, wo habt ihr Flupps gelassen?“
„Er ist weg, sagte ich doch eben“, heulte Dukati, „und ihn zurückzubekommen wird mehr als teuer.“
(Fortsetzung nächsten Freitag)
Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund