Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Eine ungewöhnliche Forderung
(Fortsetzung von Folge 9)
All dem hochwallenden Schrecken in seinem Inneren trotzend, fuhr Albert Fiks nach einem tiefen Seufzer fort, den Blick starr auf die goldene Brunnenfigur gerichtet:
„Idril und Irnin hießen die neu angekommenen Zwerge herzlich willkommen und tranken mit ihnen nach Sonnenuntergang so lange Radieschenglühmost, bis alle Sprachbarrieren überwunden waren und eine innige Gemeinschaft entstand. Sie lagen gemeinsam unter den Himbeerbüschen, und bald darauf wurden im Rübental die ersten Gartenzwergkinder geboren.“
Albert Fiks’ Gartenzwergherz schlug schneller, um dann ganz kurz stehen zu bleiben und ein bisschen weh zu tun, denn leider waren ihm zu seinem Kummer trotz zahlreicher Besuche unterschiedlicher Himbeersträucher bis zum heutigen Tag Gartenzwergkinder verwehrt geblieben.
Trippelschritte näherten sich, eine vertraute Silhouette brach durch das Morgenlicht. Mit feuchten Augen und schwerem Herzen hob der Vorlesezwerg erneut an:
„Das Gemüse quoll aus den Beeten, die Früchte fielen von Bäumen und Sträuchern, und die Gartenzwerge kamen zusammen, um den Markt zu gründen.“
„So Albert, jetzt bin ich wieder da, und eine Jause hab’ ich dir auch mitgebracht“, sagte Tante Paula zufrieden und reichte dem Vorlesezwerg eine Birne, „Mach doch mal Pause, das Ende der Geschichte ist immer so traurig.“
„Zuerst kommt noch die tolle Stelle mit Kindern, Wohlstand und ganz viel Gemüse“, gab der Vorlesezwerg zu bedenken, und biss in seine Birne.
„Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?“, fragte Tante Paula.
„Du meinst wegen Rembrandt?“ Albert spuckte ein paar Birnenkerne auf den Boden.
„Genau, es wäre nur recht und billig, dem größten Dichter, den Rübendorf je hervorgebracht hat, auch ein paar Sätze zu widmen“, sagte Tante Paula, „Und nicht nur immer die alten Geschichten – nun ja.“
„Sicher.“ Albert Fiks seufzte und zupfte unschlüssig an seiner Zwiebelfaserjacke und sagte mit Falten des Bedauerns im verwitterten Gesicht: „Schon gut. Ich meine – ich weiß ja dass du und Rembrandt der Verschwundene –“
„Er wird zurückkommen!“, rief Tante Paula schriller als sonst, „Sofern sie ihn nicht erschlagen haben.“
„… dass ihr euch gut verstanden habt. Aber mit der Schöpfungsgeschichte hat das nun mal gar nichts zu tun, außerdem hat er in der interzwergistischen Forschungseinrichtung für Gemüseanbau und Obstoptimierung gearbeitet, wenn ich dich daran erinnern darf. Wäre er wenigstens ein Mystiker gewesen, dann …“
„Kein Gartenzwerg war je Mystiker“, sagte Tante Paula und begann zu deklamieren:
„Oh Rübendorfer Karottenhang,
in deinem Schatten wird mir bang.
Das Grün neigt sich der Erde zu,
sogar der Maulwurf gibt jetzt Ruh’.“
Sie lächelte zufrieden: „Und das ist bloß die erste Strophe; also, in Anbetracht von Rembrandts einzigartigem Werk, –“
Albert Fiks fiel ihr ins Wort, diesmal mit meerrettichscharfer Strenge in der Stimme: “Nun. DAS würde ich so nicht sagen; neue Denker, Dichter und Mystikerzwerge tauchen immer wieder auf. Hast du dich unlängst mit dem jungen Fintain unterhalten?“
„Nein, ich –“ Fiks begann plötzlich zu strahlen: „Schau, da kommen die Gemeindezwerge, diesmal die ganze Truppe …“
Staubige Mützchen, allesamt mit dem Rübendorfer Gemeindewappen, einem grinsenden Kürbis, mit Möhrennase und Pflaumenaugen versehen, wackelten durch das kräftiger werdende Vormittagslicht.
„Gemeindezwerge – na und? Essen für sieben, arbeiten für zwei.“ Tante Paula rümpfte die Nase: „Und was Fintain angeht: Unsinn! Das ist doch derjenige Halbstarkzwerg, der Nieten in seine neue Gießkanne geschlagen und dann am Hauptplatz über den Sinn des Lebens gesprochen hat.“ Sie schüttelte den Kopf, dass ihre langen knoblauchfarbenen Locken nur so flogen, dann blickte sie die Neuankömmlinge genauer an: „Und überhaupt, wo habt ihr Flupps gelassen?“ Sie musterte Joon, Steinpacker, Zwiebelkalle und Dukati scharf: „Habt ihr ihm wieder eine Extraarbeit angehängt?“
Die vier Gemeindezwerge sahen sich gegenseitig an, spähten die Apfelpromenade hinauf und hinunter, doch ihr Kollege war nicht zu sehen. „Aufstellung!“, schrie Dukati schließlich.
Ruck-zuck stellten sich die anderen in der vorgeschriebenen Reihenfolge auf – und tatsächlich, da blieb ein Loch, wo eigentlich Flupps hätte stehen sollen. Eisige Stille sank über den Platz.
Einen Moment noch warteten die Gartenzwerge mit angehaltenem Atem auf das übliche Getrappel der gemeindeeigenen Gummistiefel, die wegen des Metallabsatzes schon von Weitem zu hören waren, doch diesmal blieb es aus.
„Er ist weg“, konstatierte Joon schließlich und riss die Augen auf.
„Flupps?“, rief Tante Paula so laut sie konnte, doch es kam keine Antwort.
„FLUPPSI!“
(zur Fortsetzung)
Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund