Rübendorfer Chroniken, Folge 9

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Guter Rat ist teuer / Eine ungewöhnliche Forderung
(Fortsetzung von Folge 8)

Kuno riss sich zusammen, all den wilden Gefühlen zum Trotz, die die Zipfelmütze auf seinem Kopf zum Schwanken brachten. Befindlich­keit hin, Befindlich­keit her, er war nun einmal auf die Hilfe der Floralia angewiesen, wenn er sein Leben wieder in den Griff bekommen wollte. Also hörte er auf zu hopsen, um es noch einmal im Guten zu versuchen:

„Floralia, du hast mir vielleicht nicht richtig zugehört: ich habe meinen Garten verloren und brauche jetzt ein Geschenk um das wieder hinzubiegen, und –“

„Kuno, leider … leider, nein.“

„Aber!“ Er warf die Arme hoch. „Du hast doch alles hier, angefangen von – ich zitiere aus dem aktuellen Prospekt – Vogelhäusern für den Garten, feinen Likören passend zur jeweiligen Jahreszeit. Da ist Werbung für Gemüsegebäck, reichlich Schmuck um die Gartenzwerg­stube zu dekorieren, Maroniöl­lampen, Plüschzwerge, aufblasbare Maulwürfe … jetzt sag’ schon, was soll ich kaufen? Darf ruhig mehr kosten, gar kein Problem.“

„Kuno, kein Geschenk kann dir da helfen.“

„Dann vielleicht ein Zauberspruch?“

„Ich handle nicht mit Zaubersprüchen.“

„Und wo könnte ich dann einen kaufen?“

„Nirgendwo, so etwas gibt es bei uns nicht. Wir sind im Rübendorf, hier gibt es Obst, Gemüse, Blumen und Geschenke. Das muss auch für dich reichen; hättest du eben gegraben, gejätet und geerntet wie die anderen Zwerge.“

Bildete sich Kuno das ein, oder klang die Stimme der sonst immer so freundlichen Floralia inzwischen schon leicht gereizt? Er musste schlucken, zwinkerte ein paar Mal mit den Augen, um die Fassung wieder zu gewinnen, und stammelte dann mit halb verschluckten Tränen zwischen den einzelnen Wörtern: „Schon gut, du musst ja nicht gleich unfreundlich werden. Hab’ schon verstanden, die ganze elend lange Tradition des Schenkens hilft einem Gartenzwerg gar nix, sobald er ein wirkliches Problem hat. Werde ich mir merken.“

Damit drehte er sich um, biss auf seine Unterlippe bis Blut kam und stürmte aus dem Laden. Ganz egal. Alles. Denn: Er würde seinen Garten schon wieder­bekommen, mit oder ohne Hilfe. „So wahr ich Kuno Kern heiße!“

Eine ungewöhnliche Forderung

Albert Fiks lehnte am Dorfbrunnen, blickte in den ringlottenblauen Himmel und deklamierte, auch ganz ohne Publikum, das nächste Kapitel der Rübendorfer Schöpfungs­geschichte:

„Zur Zeit der großen Zwergenzüge, als die wilden Zwerge noch nicht sesshaft waren und so zahlreich wie die Nacktschnecken in einem feuchten Sommer kreuz und quer über und unter den Kontinent strömten, begab es sich, dass etliche von ihnen auch das Rübendorf erreichten. Idrils und Irnins Gärten boten einen gar lieblichen Anblick und ein wilder Zwerg nach dem Anderen ließ sich hier nieder, bohrte Finger und Zehen in die fruchtbare Erde und wurde so zum Gartenzwerg.“

Er hielt inne, als am anderen Ende der Apfel­promenade ein paar dunkle Gestalten zwischen den Gärten vorbei huschten. Was war das denn? Sein Magen ballte sich zusammen wie ein vergessener Kürbis beim ersten Nachtfrost, doch es half alles nichts: die Schöpfungs­geschichte musste fertig erzählt werden, allen dunklen Bedrohungen zum Trotz. Und überhaupt: was konnte hier, im Rübendorf am hell­lichten Tag schon groß geschehen?

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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