Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Eine ungewöhnliche Forderung
(Fortsetzung von Folge 10)
Albert Fiks, Tante Paula und die vier verbliebenen Gemeindezwerge Joon, Steinpacker, Zwiebelkalle und Dukati starrten ins staubige Licht des Vormittags, riefen mit aufgeregt wackelnden Zipfelmützen durcheinander.
„Eben war er noch da!“
„Wo könnte er denn sein?“
„Hier ist noch nie ein Gemeindezwerg im Dienst verschwunden!“
„Nach dem Dienst etwa schon?“, erkundigte sich Joon.
„Nur bis zum nächsten Morgen, deinen Vorgänger haben wir dann immer schnarchend unter einem Busch am Dorfsee gefunden“, sagte Zwiebelkalle.
„Ui, und dann?“
„Wir haben ihn hervorgezogen, was sonst?“
„Lebend?“
„Fast immer! Bloß einmal – Joon, er war dein Vorgänger …“
„Oh!“
Tante Paula verlor die Geduld mit den aufgeregt durcheinander schnatternden Gemeindezwergen: „Hört auf mit den alten Geschichten, sucht lieber Flupps! Und sobald ihr ihn gefunden habt, erinnert ihn daran, dass er mir in der Mittagspause Kartoffelschälen helfen wollte.“
Mit diesen Worten nickte Tante Paula Albert Fiks und den vier Gemeindezwergen noch einmal zu und stiefelte energischen Schrittes über den Brunnenplatz Richtung Suppenküche.
„Was denn nun?“, rief der Vorlesezwerg und klang aufgebracht, „Wer will hören, wie es dann weiterging?!
„Jetzt?“, murmelte Joon mit gesenktem Blick. „Fluppsi fehlt immer noch …“
„Idril. Es geht hier um IDRIL!“ Der Vorlesezwerg stampfte auf. „Ich habe den Mittelteil komplett neu gestaltet.“
„Ich habe Angst um ihn“, sagte Joon, „Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen?“
„Idril ist ein Ahnzwerg!“, kreischte Albert Fiks, „Ein unzerstörbarer Ahnzwerg. Durch meine Bearbeitung wird auch dem letzten Rübendorfer Gartenzwerg klar werden –“
„Die neue Version?“, fiel ihm Dukati ins Wort, „Verrätst du uns da endlich, wo das sagenhafte Immervolle Gemüselager von Idril und Co. liegt, oder willst du alles selber essen?“
„Mach dich nur lustig über mich, Legenden und Symbole sind offenbar nicht für jederzwerg“, erwiderte Fiks und runzelte die Stirn. Joon zog Dukati beiseite: „Lass ihn in Ruhe, das führt doch zu nichts. Jetzt müssen wir erst mal Flupps finden.“
Ohne Gruß wandten sich die Gemeindezwerge ab und liefen die Apfelpromenade hinunter, während der Vorlesezwerg mit gesenktem Kopf am Brunnenrand in sich zusammensank.
„Gemeindezwerge verschwinden nicht so einfach.“ Falls erforderlich, würden sie ganz Rübendorf auf den Kopf stellen, um ihren Kollegen zu finden.
„Da drüben ist dem Obermoserzwerg sein Gartl, vielleicht weiß er etwas.“
Und wirklich, auf einem Baumstumpf mitten im Radieschenbeet saß ein knorriger Gartenzwerg mit grüner Filzzipfelmütze, kariertem Hemd und Joppe. „Gut sieht er nicht aus, der Obermoser. Naja, als Präsident des Rübendorfer Gärtnervereins hat er sicher kein leichtes Leben“, raunte Zwiebelkalle in Richtung Joon. „Aber warum klappert er die ganze Zeit mit den Zähnen?“
Steinpacker ging hinüber und rief über den Zaun: „Schönen Vormittag Obermoser, hast du vielleicht unseren Kollegen Flupps gesehen?“ Der Gartenzwerg blieb reglos auf dem Baumstumpf sitzen und klapperte so heftig mit den Zähnen, dass seine grüne Filzzipfelmütze wackelte. „Obermoser!“, rief Dukati und klopfte gegen den Zaun, „Wir suchen Flupps. Hast du ihn gesehen?“
Da sprang der Präsident des Gärtnervereins jäh in die Höhe, seine Zipfelmütze fiel zu Boden, und er schrie: “Sie haben ihn geholt! Die Maulwürfe haben ihn geholt, sieben Stück und sie waren riesengroß mit rotglühenden Augen wie Äpfel in der untergehenden Abendsonne… Riesengroß!“ Nach diesen Worten plumpste er wieder auf den Baumstumpf und starrte wortlos ins Gras.
„Zu viel Apfelbrand?“, wisperte Joon schließlich zögerlich, „Und das am helllichten Vormittag?“
„Maulwürfe!“, schrie der Obermoser-Gartenzwerg noch einmal mit bröckelnder Stimme, „Riesengroße!“
Joon und Steinpacker blickten einander ratlos an. „Meinst du, wir sollten Tante Paula, den Bürgermeister, dem alle Gartenzwerge am Herzen liegen, oder sonst jemanden holen?“
Dukati schüttelte den Kopf, sagt dann ungewohnt streng: „Schon klar, alle Gartenzwerge trinken gerne, aber zwerg kann es auch übertreiben. Reiß dich zusammen, Obermoser, und sag uns bitte, wo Flupps ist.“
Der sonst so schweigsame Zwiebelkalle zog seinen Kollegen an der Zipfelmütze, deutete in den Staub der Apfelpromenade: „Schau mal!“
„Was denn?“
„Ein beschriftetes Zucchiniblatt, dabei haben wir hier doch erst gekehrt.“
Steinpacker bückte sich danach und hob das grüne Schrumpelding hoch. Quer über das fleckige Grün zogen sich unterbrochene Linien blauvioletter Schnörkel.
„Sieht aus wie Käferbefall?!“
„Joon – das sind Buchstaben!“
„Dann – lies doch vor.“
Steinpacker räusperte sich, kniff die Augen zusammen und hob an: „Erste Syndikatsforderung. Lieber Bürgermeister, liebe Rübendorfer Bevölkerung, das Gartenzwergsyndikat braucht eure Hilfe. Liefert siebzehntausendneunhundertdreiundvierzig Kartoffeln, doppelt soviel Spargel, dreimal so viele Maroni und viermal so viele Brombeeren und Orchideen nach Sonnenuntergang beim verfallenen Lagerhaus am Dorfsee ab. Belohnung: ein Flupps.“
(zur Fortsetzung)
Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund