Rübendorfer Chroniken, Folge 11

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Eine ungewöhnliche Forderung
(Fortsetzung von Folge 10)

Albert Fiks, Tante Paula und die vier verbliebenen Gemeinde­zwerge Joon, Stein­packer, Zwiebel­kalle und Dukati starrten ins staubige Licht des Vor­mittags, riefen mit aufgeregt wackelnden Zipfel­mützen durcheinander.

„Eben war er noch da!“

„Wo könnte er denn sein?“

„Hier ist noch nie ein Gemeinde­zwerg im Dienst verschwunden!“

„Nach dem Dienst etwa schon?“, erkundigte sich Joon.

„Nur bis zum nächsten Morgen, deinen Vorgänger haben wir dann immer schnarchend unter einem Busch am Dorfsee gefunden“, sagte Zwiebel­kalle.

„Ui, und dann?“

„Wir haben ihn hervorgezogen, was sonst?“

„Lebend?“

„Fast immer! Bloß einmal – Joon, er war dein Vorgänger …“

„Oh!“

Tante Paula verlor die Geduld mit den aufgeregt durcheinander schnatternden Gemeinde­zwergen: „Hört auf mit den alten Geschichten, sucht lieber Flupps! Und sobald ihr ihn gefunden habt, erinnert ihn daran, dass er mir in der Mittags­pause Kartoffel­schälen helfen wollte.“

Mit diesen Worten nickte Tante Paula Albert Fiks und den vier Gemeinde­zwergen noch einmal zu und stiefelte ener­gischen Schrittes über den Brunnen­platz Richtung Suppen­küche.

„Was denn nun?“, rief der Vorlese­zwerg und klang aufgebracht, „Wer will hören, wie es dann weiter­ging?!

„Jetzt?“,  murmelte Joon mit gesenktem Blick. „Fluppsi fehlt immer noch …“

„Idril. Es geht hier um IDRIL!“ Der Vorlese­zwerg stampfte auf. „Ich habe den Mittel­teil komplett neu gestaltet.“

„Ich habe Angst um ihn“, sagte Joon, „Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen?“

„Idril ist ein Ahnzwerg!“, kreischte Albert Fiks, „Ein unzerstör­barer Ahnzwerg. Durch meine Bearbeitung wird auch dem letzten Rüben­dorfer Garten­zwerg klar werden –“

„Die neue Version?“, fiel ihm Dukati ins Wort, „Verrätst du uns da endlich, wo das sagenhafte Immervolle Gemüselager von Idril und Co. liegt, oder willst du alles selber essen?“

„Mach dich nur lustig über mich, Legenden und Symbole sind offenbar nicht für jederzwerg“, erwiderte Fiks und runzelte die Stirn. Joon zog Dukati beiseite: „Lass ihn in Ruhe, das führt doch zu nichts. Jetzt müssen wir erst mal Flupps finden.“

Ohne Gruß wandten sich die Gemeinde­zwerge ab und liefen die Apfel­promenade hinunter, während der Vorlese­zwerg mit gesenktem Kopf am Brunnen­rand in sich zusammen­sank.

„Gemeinde­zwerge verschwinden nicht so einfach.“ Falls erforder­lich, würden sie ganz Rüben­dorf auf den Kopf stellen, um ihren Kollegen zu finden.

„Da drüben ist dem Ober­moser­zwerg sein Gartl, vielleicht weiß er etwas.“

Und wirklich, auf einem Baumstumpf mitten im Radieschen­beet saß ein knorriger Garten­zwerg mit grüner Filz­zipfel­mütze, kariertem Hemd und Joppe. „Gut sieht er nicht aus, der Obermoser. Naja, als Präsident des Rüben­dorfer Gärtner­vereins hat er sicher kein leichtes Leben“, raunte Zwiebel­kalle in Richtung Joon. „Aber warum klappert er die ganze Zeit mit den Zähnen?“

Steinpacker ging hinüber und rief über den Zaun: „Schönen Vormittag Obermoser, hast du vielleicht unseren Kollegen Flupps gesehen?“ Der Garten­zwerg blieb reglos auf dem Baumstumpf sitzen und klapperte so heftig mit den Zähnen, dass seine grüne Filz­zipfel­mütze wackelte. „Obermoser!“, rief Dukati und klopfte gegen den Zaun, „Wir suchen Flupps. Hast du ihn gesehen?“

Da sprang der Präsident des Gärtner­vereins jäh in die Höhe, seine Zipfelmütze fiel zu Boden, und er schrie: “Sie haben ihn geholt! Die Maulwürfe haben ihn geholt, sieben Stück und sie waren riesengroß mit rot­glühenden Augen wie Äpfel in der unter­gehenden Abend­sonne… Riesen­groß!“ Nach diesen Worten plumpste er wieder auf den Baumstumpf und starrte wortlos ins Gras.

„Zu viel Apfel­brand?“, wisperte Joon schließlich zögerlich, „Und das am hell­lichten Vormittag?“

„Maulwürfe!“, schrie der Obermoser-Gartenzwerg noch einmal mit bröckelnder Stimme, „Riesengroße!“

Joon und Steinpacker blickten einander ratlos an. „Meinst du, wir sollten Tante Paula, den Bürger­meister, dem alle Garten­zwerge am Herzen liegen, oder sonst jemanden holen?“

Dukati schüttelte den Kopf, sagt dann ungewohnt streng: „Schon klar, alle Garten­zwerge trinken gerne, aber zwerg kann es auch über­treiben. Reiß dich zusammen, Obermoser, und sag uns bitte, wo Flupps ist.“

Der sonst so schweigsame Zwiebel­kalle zog seinen Kollegen an der Zipfel­mütze, deutete in den Staub der Apfel­promenade: „Schau mal!“

„Was denn?“

„Ein beschriftetes Zucchini­blatt, dabei haben wir hier doch erst gekehrt.“

Steinpacker bückte sich danach und hob das grüne Schrumpel­ding hoch. Quer über das fleckige Grün zogen sich unter­brochene Linien blau­violetter Schnörkel.

„Sieht aus wie Käferbefall?!“

„Joon – das sind Buchstaben!“

„Dann – lies doch vor.“

Steinpacker räusperte sich, kniff die Augen zusammen und hob an: „Erste Syndikats­forderung. Lieber Bürger­meister, liebe Rüben­dorfer Bevöl­kerung, das Garten­zwerg­syndikat braucht eure Hilfe. Liefert sieb­zehn­tausend­neun­hundert­drei­und­vierzig Kartoffeln, doppelt soviel Spargel, dreimal so viele Maroni und viermal so viele Brom­beeren und Orchideen nach Sonnen­untergang beim verfallenen Lagerhaus am Dorfsee ab. Belohnung: ein Flupps.“

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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