Rübendorfer Chroniken, Folge 8

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Guter Rat ist teuer
(Fortsetzung von Folge 7)

Guter Rat ist teuer

Zwei Querstraßen hinter dem Markplatz, in der Kornblumen­gasse Sieben, stand ein altes, schmales Blattwerkhaus. Unter dem gekachelten Spitzdach, das schief wie eine alte Zipfelmütze wolkenwärts ragte, starrten dicke Butzenscheiben auf die Dorfstraße.

Im efeuüberrankten Untergeschoss befand sich der wohl berühmteste Laden von ganz Rübendorf: Ein schlichtes „Floralias“ stand in brombeer­farbenen Lettern auf dem Apfelholz­schild, und die Auslage quoll förmlich über vor Herrlich­keiten. Angefangen vom goldenen Garten­werkzeug über Vogelhäuser bis hin zur Marzipanrose gab es alles, was ein Gartenzwerg­herz erfreuen konnte.

Kuno Kern betrat den Laden mit neuem Leuchten in den Augen, voller Hoffnung und guter Vorsätze, diesmal alles, aber auch alles richtig zu machen. Tante Paula hatte wie immer recht gehabt mit ihrem Rat. „Kuno …“, hatte sie am Weg zum Kartoffel­acker gesagt, „Was Deine Verlobte angeht, wirst du eben das Unangenehme mit einer kleinen Aufmerksamkeit verdecken müssen, nicht wahr? Und du weißt ja, in Herzens­angelegen­heiten soll man nicht knausrig sein … gleiches gilt auch für den Bürgermeister, denn letztendlich ist der Werner auch nur ein Gartenzwerg wie wir.“

Kuno seufzte. Ja, das würde teuer werden. Nicht umsonst war die Rübendorfer Gesellschaft von je her der festen Ansicht, dass praktisch jedes Problem, jeder Streit und jede Meinungs­verschiedenheit mit dem passenden Geschenk beigelegt werden konnte. Warum also sollte das in diesem Fall nicht klappen?

Gemüsefehden, gewerbsmäßiger Obstdiebstahl und Blumenraub waren schon mit Beratung und Geschenken aus der Gartenzwerg­welt geschafft worden; da würde sich für sein vergleichs­weise kleines Problem auch eine Lösung finden lassen. Natürlich würde ein Geschenk, das den Bürgermeister milde stimmen sollte, sicher viele Goldgroschen verschlingen, aber wichtiger als der Preis war die richtige Auswahl durch die amtierende Floralia, ihres Zeichens Verkäuferin der Geschenke und damit Bewahrerin der Harmonie.

Als Kuno ins Halbdunkel des Verkaufsraums trat, begrüßte ihn der feine Klang der Silber­glöckchen, und der Duft von Tomatenkeksen und Zwiebelpunsch erfüllte den Raum. Er sah, dass die Floralia gerade eine Kundin bediente. Natürlich. Lauschen war verpönt, obwohl – die Probleme seiner Mitgartenzwerge waren vom zwergistisch-gnomo­logischen Standpunkt aus betrachtet stets interessant; eventuell würde seine Hilfe oder etwas Anteilnahme benötigt werden.

Kuno setzt sich auf die Kirsch­leder­bank und wartete geduldig, bis die Reihe an ihm war. Inzwischen hatten sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt, und er erkannte, dass es sich bei der Kundin um Gira, die neue erdbeer­blonde Serviererin des Grünen Apfels, handelte. Was sie wohl für Sorgen haben mochte?

„Was heißt, du kannst nichts für mich tun, Floralia?“, fragte die Gartenzwerg­dame, riss die auberginen­farbenen Augen auf und klang außerordentlich irritiert „Er ist so ein toller, fantastischer Gartenzwerg mit unglaublichem Potential und es wird doch wohl möglich sein, ihn durch ein passendes Geschenk auf mich aufmerksam zu machen, hm?“

Das war Kuno nun doch peinlich und er wollte schon leise aufstehen um ein andermal wieder­zukommen, da fixierte ihn die Floralia scharf und sagte: „Keine Sorge, sie redet nicht von dir. Setz dich ruhig wieder hin.“

Kuno fühlte wie er rot anlief, und unter dem Gelächter der beiden Gartenzwerg­damen sank er zurück auf die Bank. Er war versucht eine halbherzige Entschuldigung zu murmeln, ließ es aber bleiben, nachdem ihn die beiden inzwischen ohnehin nicht mehr beachteten.

„Du verstehst das ganz falsch, Gira“, sagte die Floralia, „Meine Geschenke sind zwar das garantierte Mittel zum Herz jeden Gartenzwerges, aber es geht auch um der richtigen Zeitpunkt. Hab’ Geduld. Sobald er dich von sich aus grüßt und ein paar Worte mit dir wechselt, suche ich dir etwas Passendes heraus. Dann kann ich den Erfolg auch garantieren. Einverstanden?“ Ihr Ton ließ keine Widerrede zu.

„Du hast ein Geschäft sausen lassen“, konstatierte Kuno verwundert, nachdem Gira gegangen war. Die Floralia nickte ihm jetzt freundlich zu: „Ich habe ihr eine Enttäuschung erspart. Komm näher, Kuno. Was kann ich für dich tun?“

Da ihm wie jedem Gartenzwerg die eigenen Sorgen am nächsten waren, legte Kuno sogleich los, während Sorgenfalten auf seiner Stirn erschienen: „Der Bürgermeister hat mir meinen Garten weggenommen, Onkel Kiljan die Maulwürfe und Siegbart mein Gemüse. Gibt es ein preiswertes Geschenk, um das wieder in Ordnung zu bringen, oder muss ich drei kaufen?“

Sie räusperte sich: „Also, in keinem der Goldenen Notizbücher meiner Amts­vorgängerinnen-“

Doch Kuno wedelte nur mit den Händen, er war noch nicht fertig: „Die Lollies in dem Glas da hinten sehen nett aus. Oder vielleicht bunte Murmeln, sind wieder sehr im Kommen, als Deko für die Radieschen­beete. Ach ja, bietest du inzwischen endlich Ratenzahlung an?“ Er blickte die Floralia erwartungsvoll an. „Und eine Kleinigkeit für Vera wäre auch nett. Damit sie endlich sieht, wieviel Potential unter dieser Zipfelmütze steckt.“ Bei den letzten Worte tippte Kuno mit beiläufiger Eleganz gegen seine mehrfach geflickte Kopfbedeckung, während sich die Wangen seines Gegenübers himbeer­rot färbten.

„Beim heiligen Idril!“, rief sie, „Habt ihr heute alle zu viele unreife Kartoffeln gekaut oder warum denkt ihr, ich wäre allmächtig? Es können weder alle Wünsche erfüllt, noch alle Schandtaten mit Geschenken gesühnt werden, so leid es mir tut. Wie hättest du dir das denn vorgestellt, du überreichst dem Bürgermeister mit deinem schönsten Lächeln einen Schokozwerg aus meinem Laden und dafür macht er die Delogierung rückgängig? Nein, so einfach ist das nicht …“

Kuno runzelte die Stirn; damit hatte er nicht gerechnet. Wie lange war es eigentlich schon her seit sie ins Amt gewählt worden war? War es nicht langsam an der Zeit für sie, zu heiraten, um den Platz freizumachen für die nächste, hoffentlich effizientere Floralia, wenn sie schon keine Lösungen mehr anzubieten hatte? An Kandidatinnen würde kein Mangel herrschen, davon war er überzeugt, denn die Tätigkeit der Floralia war hochangesehen, sowohl bei den guten als auch bei den bösen Zwergen.

„Kuno, ich fürchte, du musst dir diesmal eine andere Lösung überlegen. Und dann dafür arbeiten …“

„NEIN!“

So würde er sich jedenfalls nicht unterkriegen lassen. Kuno Kern stellte sich so imposant wie möglich hin und sagte mit seiner gelehrtesten Stimme: “Laut meinen Lehrbüchern kommt deiner Beratungs­tätigkeit große Bedeutung zu. Im Lexikon der wichtigsten Rübendorfer Persönlich­keiten steht bei deinem Eintrag: Zahlreiche Zwerge nutzen die Geschenke auch, um ihren Standpunkt bei Freunden, Familienangehörigen und natürlich besonders bei der Dorfverwaltung durchzusetzen. Und genau mit der Dorfverwaltung habe ich ganz offensichtlich Probleme, also hilf mir!“

„Kuno, im Moment ist es völlig ausgeschlossen, denn –“

„Aber!“ Kunos Gesicht nahm einen dünkleren Ton an während er die Arme ausstreckte als wollte er nach den nicht vorhandenen Wolken greifen. „Du, – DU bist unsere amtierende Floralia, so wahr ich Gartenzwerg bin hier in diesem Tal, also es ist deine verdammte Pflicht, mir zu helfen!“

Kuno fühlte den Zorn überall in seinem Körper und begann vor Empörung auf und ab zu hopsen. Das war natürlich eine Unsitte, die nach Möglichkeit schon den Gartenzwerg­kindern abgewöhnt wurde, aber diesmal war sein Ärger einfach zu groß, um sich angemessen zu benehmen. Immer schneller hopste er, immer zorniger wurde er und brüllte dabei: „DU MUSST –“

Die Floralia verzog keine Miene und sagte nur ein Wort: „RAUS!“

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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