Rübendorfer Chroniken, Folge 4

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Wenn eine Tür zufällt …
(Fortsetzung von Folge 3)

„Keine Chance, Kuno“, sagte Gemeindezwerg Joon, „Und überhaupt, das hast du dir alles selbst zuzuschreiben.“

Ach was. Kuno atmete tief durch und dachte einmal mehr an das dritte Grundgesetz der Zwergistik: Gartenzwerge sind widerstandsfähig, tapfer, flexibel und gewinnorientiert, vor allem geben sie nie auf. Zipfelmütze verpflichtet. Würde es möglich sein, auch ohne Apfelbäume, Kürbisbeete und Himbeerhecken ein glückliches Leben zu führen?

Vielleicht könnte er Vera in der Kannenzwergakademie helfen, nebenbei in der interzwergistischen Forschungseinrichtung von Streberlingen ein Praktikum für Gemüseanbau und Obstoptimierung absolvieren, oder –

„Kuno?“ Joons Nase hatte zu zucken begonnen.

„Ja doch!“ Oder, mit viel Glück, einen Job als Gnomologe finden und reich werden, jedenfalls so lange, bis er einen neuen Garten beantragen konnte. „Joon, ich mach’ ja schon.“ Buch um Buch wanderte in die Umzugskiste. Kuno seufzte tief. Aufgrund dieser Delogierung würde es sich es sicher nicht leicht werden, dem Bürgermeister ein entsprechendes Formular abzuluchsen, von der Genehmigung selbst ganz zu schweigen.

„Bist du jetzt endlich fertig?“, fragt Flupps mit wachsender Ungeduld in der Stimme.

„Meinetwegen.“ Sollte das Unglück eben seinen Lauf nehmen. Kuno Kern zog sich die Zipfelmütze tiefer in Stirn, um die Kummerrunzeln zu verbergen.  Schade um all das schöne Obst und Gemüse das noch im Keller lagerte: volle Apfelkisten, säckeweise Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch und natürlich jede Menge Walnüsse. Unfassbar viele Walnüsse.

Da ging die Holztür erneut auf, ein dünner Gartenzwerg mit johannis­beer­farbenen Augen und teurer Zipfelmütze stakste auf Plateaustiefeln herein: „Gemüse wäre hier zu kaufen habe ich gehört?“

Kuno Kern zuckte zusammen, während Joon sich sichtlich zu freuen begann und mit neuem Schwung rief: „Na endlich Siegbart, wir sind hier ohnehin schon fertig.“

„Nein“, murmelte Kuno Kern. „Ich will nicht“, doch die anderen ignorierten ihn.

„Ich nehme alles“, dröhnte der Neuankömmling und stampfte dabei auf die Birnbaumdielen der Stube, „Und zwar jetzt!“

„Klar. Sollen wir beim Verladen helfen?“ fragte Flupps, hilfsbereit wie immer.

„Hallo Siegbart“, sagte Kuno und verzog das Gesicht. Er hatte den Rübendorfer Gemüsegroßhändler stets mit gewissem Misstrauen betrachtet: es konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ein einzelner Händlerzwerg über einen schier unerschöpflichen Vorrat an Obst und Gemüse verfügte und dabei nie von der Dorfverwaltung behelligt wurde – auch wenn letztendlich ganz Rübendorf auf dieses nie versiegende Angebot an Karotten, Salat, und Radieschen angewiesen war. Laut Gnomologielehrbüchern ein klarer Fall von zwielichtigen Machen­schaften, eingewickelt in ein Ränkespiel, dessen dunkle Seitentriebe garantiert schon halb Rübendort unterwandert haben mochten. Bloß: beweisen müsste man es können. Irgendwann vielleicht. Und bis dahin am Leben bleiben. Kuno zuckt mit den Schultern und sagte mit abgewandtem Blick: „Bevor alles verrottet – meinetwegen.“

„Nun …“ Siegbart verbeugte sich so tief, dass die Spitze seiner teuren Zipfelmütze die Birnenholzdielen streifte. „Es ist mir eine Ehre die Bestände aufkaufen zu dürfen“, und dann grub er aus seinem Hosensack eine Handvoll Münzen, ließ sie schwungvoll über den Tisch zu Kuno hin rollen.

Der hatte seine liebe Mühe, alle Goldgroschen aufzufangen. Schweigend packte er das Geld weg, handeln konnte zwerg mit Siegbart ohnehin nicht. Um nicht mitansehen zu müssen, wie Kartoffeln, Zwiebeln und all das andere Gemüse aus Keller und Haus getragen wurde, nahm Kuno die golden beschriftete Kirschholztafel von der Wand und starrte traurig auf die Inschrift:

Die Angst ist groß.
Der Gartenzwerg ist klein.
Der Bürgermeister ist mächtig.
Und die Abgabe muss sein.

Tja, seine Steuerforderungen hatte er auch nicht immer erledigt. Jeder Gartenzwerg hatte beim Amtsantritt des neuen Bürgermeisters so eine Spruchtafel für die gute Stube bekommen, als Mahnung, sich nach besten Kräften an den umseitig eingravierten Gemeindeforderungen zu beteiligen um die Rübendorfer Stadtkasse zu füllen.

„Ich bin hier fertig“, sagte Kuno und vergrub die geballten Fäuste tief in den Hosentaschen. Seine Stunde würde schon noch kommen.

„Prima.“ Joon legte den Holzdeckel auf die halbleere Kiste und nagelte sie zu. „Wir bringen sie am Nachmittag in dein Zimmer im Grünen Apfel. Viel Glück!“

Kuno nickte. Eigentlich war Joon ja kein schlechter Bursche, ein bisschen reserviert vielleicht, nicht so herzlich wie Flupps, aber immerhin in der Lage, neben dem Job als Gemeindezwerg auch noch einen Garten ordentlich zu betreuen. Kuno fühlte wie die Missgunst in ihm aufwallte, zucchinigrüner Neid gegenüber jedem Mitzwerg der noch Bäume, Gemüse und Beeren pflanzen konnte. Gerade heute wäre so schönes Gartenwetter, prompt begannen seine Augen zu schwimmen.

Nach einem letzten Blick auf sein Bett und die geleerten Bücherregale stolperte Kuno Kern hinaus in den Sonnenschein, fest entschlossen, diese Blamage nicht auf sich sitzen zu lassen. Er hörte noch wie Flupps sagte: “So wahr Idril mir helfe, ich hasse Delogierungen.“

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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