Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Wenn eine Tür zufällt …
(Fortsetzung von Folge 2)
Und damit ging er, ohne die Fellzipfelmütze zum Gruß zu ziehen, quer durchs Zimmer, hinaus in den Garten und stapfte durch das kniehohe Unkraut.
Kuno Kern war inzwischen auf einen Sessel gesunken, hatte die Pflanzschaufel achtlos auf den Boden geworfen und starrte fassungslos auf seine Hände. Gut, die waren momentan nicht rau und schwielig vom Umgraben und Pflanzen, auch unter den Fingernägeln fehlten die obligatorischen Erdspuren, andererseits konnte sich kaum jemand hier im Rübendorf an die letzte Delogierung eines Gartenzwerg erinnern und jetzt sollte diese Schande ausgerechnet ihn treffen? Vera, seine Verlobte, würde sich gar nicht freuen.
„Also, wie sieht’s aus Kuno, sollen wir dir beim Packen helfen?“, fragte Joon, „Oder lässt du dein Zeug lieber hier? Entscheide Dich, wir müssen den Garten versiegeln und dann zurück zum Bürgermeister, der hat sicher noch mehr Aufträge für uns.“
„Wie soll ich ohne Garten leben? Ist euch das vollkommen egal?“, fragte Kuno und wischte sich über die Augen. Seine Handfläche wurde feucht, seine Lippen begannen zu zittern. Kein Garten, keine eigene Erde, kein garnichts mehr. Das war – absolut unvorstellbar. Kuno Kern begann leise zu weinen.
„Zu spät“, murmelte Flupps und fummelte ein Taschentuch aus der Hosentasche. „Da, nimm.“
„So eine Schande!“ Onkel Kiljan kam aus dem Garten zurück. Im Arm hielt er die beiden Maulwürfe, die verängstigt quietschten: „Zwischen Unkraut und holzigen Radieschen sind sie gesessen, ohne Wasser, ohne Zuwendung, ohne sinnvolle Aufgabe. Na, das wird sich ab jetzt ändern. Bei mir haben sie es besser.“
„Das sind aber doch meine Gartentiere. Sie gehören zu mir. Ich brauche sie!“, rief Kuno und schnellte hoch. Er streckte die Hand nach dem Kleineren der beiden spitznasigen Fellknäuel aus, doch der schnappte nach ihm.
„Du kannst jederzeit bei mir in der Maulwurfpflegestation aushelfen“, sagte Onkel Kiljan, „Füttern, Ausmisten und wenn du dich dabei geschickt anstellst, dann zeig’ ich dir wie die Maulwürfe trainiert werden. Die beiden Gesellen hier haben es nicht sonderlich gut gehabt bei dir.“
„Schäm’ dich“, sagte Joon, „Wenn du dir schon keine Zeit für sie nimmst, dann hättest du sie lieber gegen Gebühr bei Onkel Kiljan abgeben sollen, aber sie einfach im verwilderten Garten zu vergessen ist eines Gartenzwergs nicht würdig.“
Kuno brach erneut in Tränen aus. Als Flupps ihm ein weiteres Taschentuch reichte, schüttelte er den Kopf. Nein, Trost konnte es nicht geben.
Onkel Kiljan ging ohne Gruß, und Joons Stimme klang inzwischen schon ungehalten: „Also, was ist jetzt? Wir haben eine Kiste mitgebracht, die ist bei den Delogierungsgebühren inkludiert.“
„Soll ich dir helfen, damit du es schneller hinter dir hast?“, schlug Flupps freundlich vor. Wenigstens war der Gemeindezwerg nicht nachtragend, und schien den kleinen Rempler von vorhin schon vergessen zu haben. Die Arbeit in den Dorfverwaltung und in den Straßen von Rübendorf schien eine abhärtende Wirkung zu haben. Und ordentliche Muckis hatten die Gemeindezwerge obendrein. Kein Wunder, dass Flupps und Joon bei den hiesigen Gartenzwerginnen so beliebt waren.
Kuno Kern seufzte. „Also dann – packen wir’s an.“
Allzu viel gab es nicht zu verstauen: Sommerzipfelmütze, Winterzipfelmütze und natürlich die Badezipfelmütze, wichtig in der warmen Jahrszeit, wenn der Dorfsee warm genug war, und dann noch die teuer bezahlten Zwergistik- und Gnomologie-Lehrbücher mitsamt dem erst kürzlich erworbenen Diplom. Kuno Kerns Finger strichen über das Brombeerpapier. Nun würde er ja sehen, wie viel eine fundierte Ausbildung hier im Rübendorf wert war. Ein guter Gnomologe verhungert niemals, hatte Professor Runzelfart immer wieder gesagt. „Und meine Maulwürfe hole ich mir auch zurück, ganz egal wie!“
(zur Fortsetzung)
Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund