Rübendorfer Chroniken, Folge 2

Lilly Varsunds vitaminreicher, freitäglich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Wenn eine Tür zufällt …
(Fortsetzung von Folge 1)

 

Kuno Kern sprang auf. „Komme gleich!“

Denn wenn auch das Lehrbuch sagt Gemeinde­zwerge am Morgen bringen Unglück und Sorgen so empfahl es sich dennoch, den eigenen Platz in der Gartenzwerg­hierarchie zu kennen und sich entsprechend zu verhalten, was in diesem Fall wohl mit dem Öffnen gleichzusetzen war.

Die Holztür und Kuno Kern ächzten um die Wette, dann kamen auch schon Flupps und Joon herein, zogen höflich die orange­farbenen Arbeits­zipfelmützen, die sie als Angestellte der Rübendorfer Dorf­verwaltung auswiesen, und wünschten: „Guten Morgen.“

Sie schauten mit glänzenden Augen auf die dampfende Walnuss­kaffee­kanne, doch Kuno Kern beschloss, ihre gierigen Blicke diesmal zu ignorieren, fragte statt dessen mit gerunzelter Stirn: „Was verschafft mir das Vergnügen?“

Flupps, der Kleinere der beiden, seufzte tief, zog einen Zettel aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch: „Kuno, es ist sehr traurig, aber der Bürgermeister hat dich ja schon vor einem Monat gewarnt. Du hast den Garten verkommen lassen, die Nachbarn beschweren sich über das Heulen deiner Maulwürfe in der Nacht.“

Kuno Kerns Magen krampfte sich zusammen, wurde hart und verrunzelt wie ein vergessener Apfel im Winter. Natürlich, der neue Bürgermeister musste streng sein, gerade zu ihm, aber er würde doch nicht etwa zum Äußersten greifen?

Flupps blickte betreten zu Boden, während sein rotschopfiger Kollege sagte: „Flupps, nicht um den heißen Wurzelbrei herumreden. Wir sind hier um den Garten aufzulösen. Kuno, du kannst deine Sachen packen, die Gemeinde bezahlt sechs Wochen ein Zimmer im Gasthof Zum Grünen Apfel, danach musst du sehen wie du zurecht kommst …“

„Völlig ausgeschlossen, da muss ein Fehler vorliegen! So schlimm sieht es da draußen auch wieder nicht aus. Außerdem heißt es doch: es wird nichts so klein geerntet wie es gepflanzt wird, also lasst uns darüber reden!“ Kuno Kern rang nach Luft, während die Gemeindezwerge teilnahmslos durch das Fenster nach draußen in die Wildnis des über­wucherten Gartens starrten und dabei stumm die Köpfe schüttelten.

Kuno Kern spürte, wie er bei der Vorstellung, seinen Garten zu verlieren, ins Schwitzen kam und erkundigte sich mit klein gewordener Stimme: „Also, was muss ich tun damit der Bürgermeister dem doch angeblich das Wohl aller Gartenzwerge am Herzen liegt, Salat über Angelegenheit wachsen lässt?“

„Tut mir leid, Kuno.“ Gemeindezwerg Joon zuckte mit den Schultern. „Als Zwergist kennst du sicher auch den Spruch: ‚Die löchrige Gießkanne muss der Gartenzwerg entsorgen und soll sie nicht dem Nachbarn borgen.’ Also, deinen Garten kannste erstmal vergessen.“

„Nein!“

„Doch. So leid es mir tut: Pack’ bitte deine Bücher, Zipfelmützen, Werkzeuge und was du sonst noch hast zusammen.“ Bei diesen Worten holte Joon die Rolle mit den Gemeindeeigentum-Aufklebern aus seiner Tasche. Das war kein gutes Zeichen.

Kuno Kern spürte wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Ihm wurde ganz heiß, er holte tief Luft und schrie: „Nein, das könnt ihr nicht machen! Ich bin ein Gartenzwerg wie ihr, und das ist mein Garten. Ich wollte gerade draußen Ordnung schaffen, ihr stört nur! Raus!“ Damit riss er die Pflanzschaufel vom Regal, fuchtelte damit herum und schubbste schließlich Flupps mit dem glänzenden Schaufelblatt in Richtung Tür. „Raus hier. RAUS!“

„Aua!“ schrie Flupps empört „Ich kann doch nichts dafür! Wenn dir etwas nicht passt, dann rede mit unserem Bürgermeister. Dem liegen alle Gartenzwerge am Herzen.“

Dazu verspürte Kuno Kern aber keine Lust, sondern packte nun mit der freien Hand den zitternden Gemeindezwerg und schwang drohend die Pflanzschaufel. „Verschwinden werdet ihr jetzt, elendes Gemeinde­zwergen­pack!“

Joon und Flupps taumelten rückwärts, da öffnete sich hinter ihnen unter erneutem Knarren noch einmal die Holz­eingangstür. Kalte Morgenluft quoll in den Raum und eine kartoffel­sandige Stimme knirschte: „Heiliger Holzapfel, was ist den hier los?“

Ein faltiger Gartenzwerg mit karotten­förmig zurecht­gestutztem Bart und kartoffel­farbener Joppe trat über die Schwelle und funkelte erbost in die Runde.

„Onkel Kiljan, endlich!“, rief Flupps, „Gut dass du hier bist. Hilf uns bitte, Kuno hat kein Einsehen.“

„Aber – ich bin hier das Opfer“, murmelte Kuno Kern während sein rechter Arm samt Pflanz­­schaufel herab sank. „Onkelchen, als aus­gebildeter Zwergist verlange ich daher –“

„Ich bin nicht hergekommen, um irgendeinem von euch zu helfen“, knurrte Onkel Kiljan, „sondern den Maulwürfen. Wo sind die armen Gesellen?“ Der alte Gartenzwerg strich über seinen Bart, blickte mit gerunzelter Stirn durch die trüb gewordene Fensterscheibe in den Garten und sagte: „Mal sehen, ob ich sie zwischen all dem Unkraut überhaupt noch finde. Eine Schande ist das!“

 

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.