Rübendorfer Chroniken, Folge 1

Lilly Varsunds vitaminreicher, wöchentlich erscheinender Gartenzwergroman:
Rübendorfer Chroniken
Kapitel 1 – Wenn eine Tür zufällt …

I.

Wenn eine Tür zufällt …

In der unendlichen Weite zwischen den staubigen Hügeln von Agranthea und der sagenumwobenen Insel Tropimoku lag das Rübendorf. Geschützt von eisbewehrten Bergen und schwarznadeligen Wäldern war es Heim­stätte für mehr Gartenzwerge als Grashalme auf einer Wiese wachsen. Die Kolonie bestand aus so vielen Gärten wie ein alter Ringlottenbaum in einem guten Jahr Früchte trägt, und wie bei den Ringlotten gab es große und kleine, faule und prächtige Exemplare. Der Geruch von feuchter Erde und frisch geernteten Karotten hing schwer über dem Tal.

Gartenzwerge wuselten eifrig zwischen ihrem Gemüse herum, pflanzten, ernteten und handelten mit Unmengen von Äpfeln, Nüssen, Kürbissen, Fenchel und Salat. Manch einer, von Gier und Gurkenwahn gebeutelt, versuchte auf dem Markt seine Erzeugnisse zu unverschämten Preisen loszuschlagen – manchmal gelang es, manchmal wurde der Wucher­zwerg mit faulen Radieschen beworfen. Doch am Ende des Markttags hatten die meisten blanke Goldgroschen in den Taschen, Gemüse im Bauch, und kehrten frohgemut zu ihrer Gartenarbeit zurück.

Pflanzen, gießen und ernten bestimmten den Rhyth­mus ihres Lebens.

Auch wenn sie es nie zugeben würden: Gartenzwerge lügen, Gartenzwerge betrügen. Sie strahlen mit den glänzenden Tomaten um die Wette, sind süßer als Erdbeeren und verschlossener als Walnüsse. Aber immer, immer kümmern sie sich um ihre Gärten. Da ist kein Wetter zu schlecht, kein Gartenzwerg zu müde. Pflanzen, jäten, gießen, ernten und möglichst gewinnbringend verkaufen, das ist ihr Leben dem sie gewöhnlich zappelnd vor Energie nachgehen. Freunde, Familie, Liebe, Hobbys, alles wird dem Obst- und Gemüseanbau untergeordnet, kein Gartenzwerg hat je versucht, gegen seine Natur zu leben. Warum auch?

„Weil es noch andere Dinge gibt“, dachte Kuno Kern, klappte das Lehrbuch für Zwergistik und Gnomologie zu und tunkte nachdenklich das Gemüsebrot in den Walnusskaffee. Ein wenig von Tante Paulas köstlicher Kartoffelsuppe sollte sich auch noch im Thermofässchen befinden.

Jetzt, am Ende seiner Ausbildung war er sicher, dass das Potential des Gartenzwergs keineswegs mit dem Obst- und Gemüseanbau erschöpft war, doch das wollte hier im Rübendorf niemand hören.

„Halte lieber den Garten in Ordnung, und deine Maulwürfe haben auch schon mal besser ausgesehen“, sagten sie zum ihm, „Dein Diplom kannst du weder anpflanzen noch ernten noch gießen. Also was willst du damit?“

Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf den Frühstückstisch, draußen in seinem Zweiparzellen­garten am Ende des Kürbiswegs wuchsen Radieschen mit Auberginen um die Wette, während die Birnbäume probierten, ob sie mit den fruchtbeladenen Ästen ihre Wurzeln berühren konnten. Kuno Kern seufzte. Die anderen haben ja recht, dachte er, es wäre wohl an der Zeit Ordnung zu schaffen im Garten, wenigstens genug um die beiden Maulwürfe wieder zu finden. Frohgemut wollte er gerade nach dem Spaten greifen da klopfte es an der Tür.

„Aufmachen, Gemeindezwerge!“

Kuno Kern zuckte zusammen. Was konnten sie vom ihm wollen? Um diese frühe Stunde müssten die Gemeindezwerge die Apfelpromenade fegen oder im Fünfparzellen­garten des Bürgermeisters arbeiten, aber ganz sicher keine Hausbesuche machen. Es klopfte nochmals, und der ungebetene Besucher klang recht ungehalten: “Sofort öffnen!“

(zur Fortsetzung)

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit aktiven oder pensionierten Gartenzwergen, Browsergames, Betrieben und Gemüsesorten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2011 Lilly Varsund

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